In immer mehr Verwaltungsräten treffen heute Vertreterinnen und Vertreter der Generation X und der Generation Y aufeinander, häufig ergänzt durch Mitglieder der Babyboomer-Generation. Letztere, geboren zwischen 1945 und 1964, haben gesellschaftliche und wirtschaftliche Umbrüche miterlebt, die ihre Einstellungen zu Arbeit und Verantwortung geprägt haben. Der Generation X (Jahrgänge 1965 bis 1980) wird in der Literatur häufig eine stärkere Orientierung an Stabilität, Eigenständigkeit und klaren Strukturen zugeschrieben. Die zwischen 1981 und 1996 geborene Generation Y, auch Millennials genannt, gilt in vielen Studien als digital geprägte Alterskohorte, die stärker Wert auf Sinn, Entwicklungsmöglichkeiten und flexible Arbeitsformen legt.
Mehrere Faktoren können zu Spannungen zwischen Altersgruppen im Verwaltungsrat führen. Eine zentrale Rolle spielen dabei unterschiedliche Werte und Kommunikationsstile: Erfahrene Mitglieder bevorzugen klare Strukturen und formelle Abläufe, während Jüngere offene Diskussionen, flache Hierarchien und direktes Feedback schätzen. Auch die Erwartungen an Führung, Nachhaltigkeit und Technologie gehen auseinander: Die Jüngeren treiben Themen wie ESG, Diversität und Digitalisierung voran, während die Erfahrenen auf Urteilsvermögen und bewährte Entscheidungsprozesse setzen. Diese unterschiedlichen Perspektiven können zu Spannungen führen, bergen jedoch zugleich ein grosses Potenzial für gegenseitiges Lernen und ausgewogene Entscheidungen.
Die von Heidrick & Struggles veröffentlichte Studie «Board Monitor Europe 2024» enthält interessante Erkenntnisse zu den Altersstrukturen in europäischen Verwaltungsräten, darunter auch solche mit Bezug zur Schweiz. So liegt das Durchschnittsalter neu ernannter VR-Mitglieder in Europa und in der Schweiz bei rund 57 Jahren. Zwar werden auch jüngere Gremienmitglieder berufen, doch die Mehrheit der Neueintritte stammt aus dem mittleren bis höheren Alterssegment. Gleichzeitig hält langsam eine Verjüngung Einzug: Jüngere Mitwirkende bringen neue Wertvorstellungen und digitale Kompetenzen ein.
Führt dies zu Spannungen oder eher zu einer wertvollen Vielfalt an Perspektiven? RoBe Alumnus Herbert Zaugg, Verwaltungsrat der Merz Group und Stiftungsrat der Stiftung Lindenhof Bern, gibt zu bedenken, dass der Generationenkonflikt oft überschätzt werde. Er betont, dass Meinungsunterschiede im Verwaltungsrat kaum auf das Alter zurückzuführen seien. «Es gibt immer unterschiedliche Meinungen, die aber selten auf Generationenthemen zurückzuführen sind», so Zaugg. Seiner Ansicht nach sind eine gemeinsame Vision, offene Kommunikation und Klarheit über die jeweiligen Rollen entscheidend für eine erfolgreiche Zusammenarbeit – und nicht das Alter der Mitglieder. Altersdiversität als Auswahlkriterium sieht er kritisch: «Ein guter Verwaltungsrat wird nach Kompetenzen gebildet, nicht nach Geschlecht, Generation oder Alter.»
Während manche Beobachtende darin ein mögliches Konfliktfeld sehen, warnt Herbert Zaugg, Verwaltungsrat der Merz Group und Stiftungsrat der Stiftung Lindenhof Bern, vor einer Überbewertung des Generationenfaktors.
Damit die Unterschiede zwischen den Generationen zu einer Stärke werden, sind offene Kommunikation, Mentoring und eine vorausschauende Nachfolgeplanung entscheidend.
An erster Stelle steht dabei die offene Kommunikation. Altersvielfalt kann nur gelingen, wenn alle Generationen ihre Perspektiven einbringen und ein respektvoller Dialog entsteht. So wachsen gegenseitiges Verständnis und die Basis für gemeinsame Lösungen.
Darüber hinaus stärkt Mentoring das Lernen auf Augenhöhe. Erfahrene Mitglieder begleiten neue oder jüngere Kolleginnen und Kollegen, während diese ihr Wissen und ihre Sichtweisen zu aktuellen Themen wie Digitalisierung, Nachhaltigkeit oder neuen Führungsmodellen einbringen. Die Studien von PwC und Heidrick & Struggles zeigen, dass digitale Kompetenz dabei weniger eine Frage des Alters als vielmehr der Offenheit und Weiterbildungsbereitschaft ist. So verbinden sich Erfahrung und neue Perspektiven zu einem echten Mehrwert.
Ein weiterer Erfolgsfaktor ist die bewusste Zusammensetzung des Gremiums. Es sollten gezielt Personen unterschiedlicher Altersgruppen mit komplementären Kompetenzen, Erfahrungen und Denkweisen kombiniert werden. Entscheidend ist nicht die Quote, sondern die Frage, welche Perspektiven für die strategische Zukunft des Unternehmens notwendig sind und wie diese im Verwaltungsrat abgebildet werden können.
Ebenfalls hilfreich sind klare Entscheidungsprozesse und Rollenverteilungen. Sind Erwartungen, Verantwortlichkeiten und Abläufe transparent, entstehen weniger Missverständnisse und unterschiedliche Generationen können wirksamer zusammenarbeiten.
Schliesslich ist eine vorausschauende Nachfolgeplanung entscheidend. Sie sorgt dafür, dass Wissen, Erfahrung und Verantwortung schrittweise weitergegeben werden und ermöglicht so einen kontinuierlichen Generationenwechsel, der Stabilität und frische Impulse vereint.
Generationenvielfalt im Verwaltungsrat entfaltet ihren Wert erst, wenn unterschiedliche Perspektiven auf Augenhöhe zusammenkommen. Entscheidend sind Offenheit, Vertrauen und Lernbereitschaft. Dann werden Unterschiede zur Stärke und Vielfalt zu einem echten Mehrwert für Innovation und langfristigen Erfolg. Wie ist das in eurem Verwaltungsrat, wird dieses Potenzial schon genutzt?
Dieser Artikel ist im Rahmen einer Kooperation mit dem Swiss Board Forum entstanden.