Ambition als Antrieb

Mit sechs Jahren wollte er an die Olympischen Spiele. Heute stellt Tomi Viiala die Regeln einer ganzen Branche infrage. Als ehemaliger Spitzensportler, EMBA-Absolvent des Rochester-Bern Executive Program und einer der prägenden Köpfe der europäischen E-Bike-Industrie denkt er Mobilität neu – nicht als Produkt, sondern als Erlebnis. «Wenn du einmal ein VIIALA fährst, willst du nie mehr zurück.» Ein Gespräch über Antrieb, Entscheidungen und die Frage, was passiert, wenn man Mobilität konsequent neu denkt.

RoBe: Tomi, wenn man VIIALA anschaut, spürt man sofort eine Mischung aus Innovation, Mut und ziemlich viel Ambition. Wann hast du persönlich gemerkt, dass du nicht einfach ein Unternehmen führen willst, sondern etwas komplett Neues bauen möchtest?

Tomi Viiala: 2024, nach 11 Jahren bei Stromer, wollte ich mir bewusst eine Auszeit nehmen. Dann kam ein Anruf – ehemaliger CEO von Audemars Piguet, François Bennahmias (heuteriger co founder von VIIALA) , gleichzeitig Kunde. Er fragte nur: «Was machst du jetzt?» Ein paar Monate später sass ich in Dubai. Gespräche mit dem Dubai Future Lab haben eine neue Perspektive geöffnet: Was fehlt heute in der Mobilität wirklich? Wir haben den Prozess umgedreht. Nicht vom Preis gedacht, sondern vom idealen Produkt. Die Konsequenz war klar: rund CHF 30’000. Und die eigentliche Frage dahinter: Gibt es Menschen, die das wollen? Unsere Antwort: ja. In anderen Industrien – sei es bei Autos, Yachten oder Flugzeugen – existiert dieses Segment längst. Nur hat dieses im Velobereich bisher niemand adressiert. Genau dort setzt VIIALA an: in einem neuen Segment mit klarem Mehrwert. So hat alles begonnen.


RoBe: Warum war Dubai der richtige Ort für den Launch?

Tomi: Die Idee ist dort entstanden. Also war es nur konsequent, auch dort zu starten. Aber es ging uns nicht um einen klassischen Launch. Es war ein Test. Im Museum of the Future – bewusst im kleinen Kreis – wollten wir verstehen: Trägt dieses Konzept wirklich? Sechs Monate, drei Modelle. Direktes Feedback von Investoren und potenziellen Kunden. Dubai ist dafür ideal: international, technologieoffen, schnell. Ein Ort, an dem neue Mobilität nicht diskutiert, sondern ausprobiert wird. Europa ist jetzt der nächste Schritt – vor allem in der Produktion. Kurze Wege, mehr Kontrolle.


RoBe: Ihr sprecht in einem Artikel davon, dass das Fahrrad mehr sein kann als nur ein Fortbewegungsmittel. Was genau ist eure Vision dahinter und as soll Viiala im Idealfall für Menschen bedeuten?

Tomi: Wir denken nicht in Produkten, sondern in Möglichkeiten. Deshalb haben wir drei Modelle definiert, die unterschiedliche Bedürfnisse adressieren:

  • Das Hyperbike steht für das, was heute noch ausserhalb der Vorstellung liegt.
    Die Idee: Das Unvorstellbare wird alltäglich. Vielleicht bedeutet das, mit 60 eine Tour-de-France-Etappe zu fahren und die Aufstiege mit der Geschwindigkeit eines pro fahrers erleben – unterstützt durch Technologie, ohne sich über Grenzen Gedanken machen zu müssen. Performance, Komfort, Sicherheit – individuell gebaut.
  • Das Commuter ist der Autoersatz: Alltag, Effizienz, Einfachheit.
  • Das Urban Commuter ist für die Stadt: kurz, direkt, kompromisslos.

Was alle verbindet: Wir denken zuerst Technologie und erst danach an Design, das aber speziell und ansprechend sein wird.


RoBe: Die Fahrradindustrie wirkt auf den ersten Blick ziemlich etabliert. In welchen Bereichen glaubst du, dass ihr neue Ansätze gut tun?

Tomi: Die klare Antwort sieht man wahrscheinlich erst 2028. Aber drei Themen sind heute schon offensichtlich:

  • Safety: Zu viele Unfälle. Zu viele Unsicherheiten. Allein in den USA werden jährlich rund 49’000 Velofahrer bei Kollisionen mit Autos verletzt. In Europa sehen wir ein ähnliches Bild. Insgesamt sprechen wir von deutlich über 100’000 Unfällen pro Jahr, bei denen Autos involviert sind. Für uns stellt sich deshalb die grundlegende Frage: Wie verändert sich das Sicherheitsgefühl, wenn ich auf ein Velo steige?
  • Design: Viele Velos sind funktional optimiert, aber austauschbar. Wir wollen das Gegenteil: Präsenz, ein Design, welches auffällt und einzigartig ist.
  • Produktion: Forecast statt Realität. Wir gehen Richtung On-Demand. Das bedeutet, wir kombinieren neue Technologien mit einer flexibleren Fertigung, um schneller, effizienter und näher am tatsächlichen Bedarf zu produzieren.
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RoBe: Als CEO stehst du ständig vor Entscheidungen mit unvollständigen Informationen. Wie triffst du solche Entscheidungen – eher intuitiv oder analytisch?

Tomi: Beides. Ich entscheide oft aus dem Bauch – vor allem beim Produkt. Aber bei Zahlen, Produktion oder Margen arbeite ich klar analytisch. Ein wichtiger Einfluss war für mich das EMBA-Programm von Rochester-Bern mit dem Leitsatz «We’ll change the way you think». Anfangs war ich ehrlich gesagt skeptisch. Ich dachte, ich gehe einfach ein bisschen in die Schule. Viele haben mir auch gesagt, ich brauche kein EMBA. Rückblickend war es genau diese Zeit, in der ich die Werkzeuge gelernt habe, um auch mit unvollständigen Informationen strukturiert und schnell analytische Entscheidungen zu treffen. Was mir besonders geblieben ist: Nicht zu entscheiden ist oft schlimmer, als falsch zu entscheiden.

RoBe:Was hat dich aus dem EMBA besonders geprägt? Gibt es eine Idee, ein Framework oder vielleicht sogar eine Diskussion, die dich bis heute begleitet?

Tomi: Das Capstone-Projekt (heute kann dies im Rahmen der EMBA-Abschlussarbeit verfolgt werden), das wir zum Abschluss des Studiums ausgearbeitet haben. In kurzer Zeit ein komplettes Business durchdenken – von Idee bis Umsetzung. Und vor allem: Es so aufzubereiten, dass es auf VR-Level standhält. Diese Denkweise bleibt.


RoBe: Viele junge Unternehmer:innen haben heute grosse Ideen, aber auch viele Optionen. Was würdest du jemandem raten, der gerade ein Unternehmen aufbauen will?

Tomi: Unternehmertum beginnt nicht mit einer Idee, sondern mit einer Entscheidung. Die zentrale Frage ist nicht: Ist die Idee gut genug? Sondern: Bin ich bereit, mit Unsicherheit umzugehen und trotzdem weiterzumachen? Was mich geprägt hat – auch durch das  EMBA von RoBe – ist diese eher amerikanische Mentalität: «Let’s go, ich mache es mal.» Im Gegensatz zu der oft sehr vorsichtigen Haltung, die wir hier kennen: «Was, wenn es nicht funktioniert?»

RoBe: Hat dich deine sportliche Karriere dahin gebracht, wo du heute bist?

Tomi: Der Ursprung meines Antriebs liegt im Sport. Sehr früh wurde dieser Anspruch spürbar. Mit sechs Jahren sagte ich zu meinen Eltern: «Ich will an die Olympischen Spiele.» Mit zehn war für mich klar, dass ich den Weg in den Spitzensport einschlagen würde. Was dahinter stand, war weniger ein konkretes Ziel als eine wiederkehrende Frage: Wie weit kann ich als Person gehen? Diese Denkweise hat sich nie verändert, nur das Spielfeld.

RoBe: Wenn wir uns in fünf Jahren wieder treffen würden: Woran würdest du erkennen, dass Viiala wirklich erfolgreich war?

Tomi: Wenn unsere Kunden sagen: «Wenn du einmal ein VIIALA fährst, willst du nie mehr zurück.»