Ein universeller Führungsstil?

Cockpit Ammann
Gibt es einen Führungsstil, der für alle passt? Dieser Frage ging Philippe Ammann, Air Lines Captain und Dozent im CAS Leadership & Inclusion, während eines Lunch Talks nach. Dabei tauchten die Teilnehmenden in verschiedene Sichtweisen und Einflussfaktoren von Führung ein und erhielten am Schluss ein überraschendes Statement.

«Welches Bild haben Sie von Führung?», fragt Ammann zu Beginn. Entspricht das Bild einer Klettergruppe, bei der die Leute abwechselnd vorne sind? Oder einer Lokomotive, die einen Zug zieht, auf Schienen, der Weg vorgezeichnet? Einem Kompass, der zeigt, wohin die Reise geht? Oder einem Hammer, der Nägel mit Köpfen schlägt? So unterschiedlich wie die Menschen sind, so unterschiedlich sind auch ihre Vorstellungen von Führung.

Es gebe jedoch einige Attribute, die grundsätzlich positiv mit Führung assoziiert würden, so Ammann weiter. Die meisten Menschen wünschen sich eine Führungskraft, die zum Beispiel ehrlich, authentisch und empathisch ist. Doch was bedeutet das genau für die Praxis? Wie ist eine Führungskraft authentisch oder empathisch?

Das 4-M-Modell kann hier eine erste Hilfestellung geben. Es besagt: «Man muss Menschen mögen». Dahinter steckt ein positives Menschenbild. Erfolgreiche Führungskräfte gehen davon aus, dass sie Menschen vertrauen können und dass alle Personen grundsätzlich gute Arbeit leisten wollen. Sie interessieren sich aufrichtig für ihre Mitmenschen und suchen den Kontakt.

Ammann hat damit eine hilfreiche Grundhaltung beschrieben. Der richtige Führungsstil lässt sich daraus aber noch nicht ableiten. Wer sich schon einmal mit dem Thema auseinandergesetzt hat, weiss, dass es dazu sehr viele Informationen gibt. Es existieren zahlreiche Bücher und auch das Internet ist voll von Theorien und Beschreibungen zu verschiedenen Führungsstilen: Da gibt es zum Beispiel den autokratischen Führungsstil, bei dem der Chef alle Entscheidungen alleine trifft und durchsetzt. Oder den transaktionalen Führungsstil, der auf einer Austauschbeziehung zwischen Führungskraft und Mitarbeitenden basiert und viele mehr. «Es ist wie eine Klaviatur der Führungsstile, aus der man wählen kann, und über allem schwebt der situative Führungsstil», sagt Ammann.

Die Klaviatur der Führungsstile

Die Idee des situativen Führungsstils ist, dass je nach Situation ein anderer Führungsstil angemessen ist. Beispielsweise muss ein motivierter Praktikant bzw. eine motivierte Praktikantin anders geführt werden als eine erfahrene Fachkraft, der es an Inspiration mangelt. Ersterer muss vor allem fachlich unterstützt werden, während letzterem vor allem eine Vision vorgelebt werden muss. Führung hängt also vom Reifegrad, den Fähigkeiten und Kompetenzen der Mitarbeitenden ab.

Es gibt aber noch viele andere Faktoren, die beeinflussen, welcher Führungsstil geeignet ist. Dazu gehört die Art der Aufgabe: Bei einem Notfall in einer Feuerwache ist ein anderer Führungsstil angebracht als in einer Kreativagentur. Auch die Zielsetzung ist relevant und vieles mehr.

Entscheidend sind auch die Stärken und Schwächen der Führungsperson. Handelt es sich um eine Person, die als Leader anerkannt werden will, die beraten, zuhören und Vorbild sein will? Oder ist es jemand, der durch Stärke überzeugt? Beides hat Vor- und Nachteile. «Ein weicher Führungsstil ist wahrscheinlich überzeugender. Aber wenn es brennt und es schnell gehen muss, kann Macht und Stärke zielführender sein», sagt Ammann.

Führung als Fachkompetenz

«Die verschiedenen Führungsstile kann man lernen. Aber zu guter Führung gehört mehr», sagt Ammann. Auch das Soziale und das Selbst seien wichtig. Es gehe um die Bereitschaft, ständig dazuzulernen, Feedback anzunehmen und sich weiterzuentwickeln. Eine gute Führungskraft muss nicht alles am besten können. Im Gegenteil: Sie muss die Menschen so führen, dass diese ihr Bestes geben können. Alles andere führt zu Überforderung und Burnout.

Hier kommt auch die Authentizität ins Spiel: Eine Führungskraft sollte sich fragen: Stimmen meine Taten mit meinen Worten und Werten überein? Ist dies nicht der Fall, verliert sie Vertrauen, und das lässt sich nicht mehr leicht zurückgewinnen. Zur Authentizität gehört auch, einerseits den Mut zu haben, zu seiner eigenen Meinung zu stehen, und sich andererseits regelmässig selbst zu hinterfragen.

Um auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Gibt es einen Führungsstil, der für alle passt? Philippe Ammann antwortet: «Es gibt eine Klaviatur von Führungsstilen, auf der man spielen kann. Wichtig ist, dass man präsent ist und Ver-antwort-ung übernimmt. Das heisst, dass man hinter den Entscheidungen stehen kann, die man trifft, und somit eine Antwort auf die Frage hat, warum man etwas auf eine gewisse Art gehandhabt hat», schliesst Ammann. Und verantworten ist für ihn der universelle «one size fits all» Aspekt eines guten Führungsstils: zum Entscheid stehen, nicht anderen Fehler zuschieben, sondern aus diesen lernen. Das ist für ihn gelebte «authentische Führung».